Heute möchte ich euch etwas über die Zeit erzählen, da die Welt noch die alten Zahlen zählte und die Reiche anders verteilt waren, als sie es heute sind. Wir befinden uns im 4. Zeitalter Noridans. Die meisten der kadurianischen Einwohner sprechen vom 4. Welttag, wenn sie über die heutige Zeit reden. Aber selbst das ist noch zu frisch in all den Köpfen der Menschen und aller anderer. Ich möchte meine Erzählung beim ersten Zeitalter beginnen.
Am ersten Welttag, da die Schöpfung getan ward‘ und die Welt Leben gebar, begannen die Völker der Erde ihre Geschichten weiter zu geben. Die ältesten Erzählungen, von denen nicht einmal mehr Schriften stammen, sprechen von der friedvollen Entwicklung der Völker. Und einem einzigen Volk gleich wurden die Berge und die Wälder besiedelt und keiner kannte den Krieg. Ja, den Tod kannte man, doch war er selbst den Menschen nicht in dem Maße bekannt, wie er es heute ist. Damals lebten die Menschen lang. Nicht so lang wie Elfen, die damals Elverra hießen und dreitausend Jahre auf der Welt wandelten, aber die Zeit, die heute in dreihundert Jahren verstreicht, beschrieb zum Beginn der Welt die Lebensspanne der Menschen. Auch Zwerge waren älter und die kleinen Völker, die unter den großen Rassen still existierten, zählten die Jahre bis hin zu achthundert. Der Friede schien ewig zu sein, doch die Welt merkte nicht, dass tief unter der Erde eine Schöpfung der Götter ruhte, von der niemand wusste. Einige prophezeiten Wesen von unsagbarer Macht, aber keiner schenkte den Wissenden ein Ohr. Tief im Inneren Noridans gediehen die Drachen und warteten, um an die Oberfläche zu kriechen und zu herrschen.
Doch es begab sich, dass vor einer Million Jahre, wenn ich richtig gezählt habe, die Drachenruhe eintrat. Eis in großen Mengen bewegte sich vom Norden her nach Süden und von dem Pol am Süden wanderte Schnee nach Noridan hinein. Die Drachen unter der Erde entkamen dem Eis nicht, denn ihre Höhlen waren noch verschlossen. Die göttergleichen Geschöpfe schliefen ein und ihr Blut gefror kalt und silbern in ihren Adern.
Die Menschen waren es, die das Leben nicht so lang lebten wie andere und sie vermochten sich anzupassen, lebten unbeirrt in den eisigen Ländern, während die anderen Rassen starben. Die, die den warmen Äquator nicht rechtzeitig erreichten, wurden vom Eis zerfressen und gemartert.
Die Menschen aber vermehrten sich. Sie lebten primitiv, denn das Eis ließ keinen Fortschritt zu, doch es kam dadurch, dass das Eis den Menschen egal war, dass sie es waren, die die Welt in Besitz nahmen und die weiten Länder besiedelten. Über die gefrorenen Meere trugen ihre Ahnen das Erbe der Menschen auf andere Kontinente.
Dann, als die Menschen zahlreich waren und andere, selbst die Elverra, sehr wenige zählten, erwärmte sich die Welt wieder und das Eis wich. Auf der Oberfläche tat es das schneller als unter der Erde, doch auch dort schmolzen die Festungen aus Schnee und Kälte und gaben sie erneut preis, die Drachen. Sie überlebten die Ruhe und krochen hervor - betraten Noridan unbeirrt. Alle Völker fürchteten sie und überließen ihnen die Welt für eine lange Zeit. Vor 750.000 Jahren kamen die Drachen und sie brachten ein Gut mit, dass nicht zu ersetzten war. Die Magie war ihnen inne und gab ihnen große Macht. Sie lebten ewig, überstanden sogar das beinahe ewigen Alter der damaligen Elverra. 10.000 Jahre konnten sie herrschen, ohne dass einer ihrer Großen starb. Die Drachen waren fürchterlich.
Doch es waren die Menschen, die das verstanden, was die Großen mit sich brachten. Die Magie lernten die Menschen schnell und durch sie wurden sie, die erst durch die Drachen an Kraft verloren, wieder stärker und setzten die Kunst gegen die Feuer spuckenden, göttergleichen Wesen ein. Die Völker, die die Magie erst später verstanden, oder sie nie gut beherrschten, hatten Respekt vor den Menschen bekommen, die den Steinen auf ihrem Weg so behende aus dem Weg gingen. Einige der Menschen wurden groß und traten gegen die Drachen an. Die Bestien wurden ebenbürtig bekämpft. Die Menschen stellten ihre Gebietsansprüche und nicht selten erhielten sie das, was sie verlangten.
Vor 90.000 Jahren dann, bis dahin ist viel passiert, aber berichten möchte ich es jetzt nicht, empfingen die Völker Noridans den Himmelsstein. In prunkvoller Schönheit schickte der Himmel ein Licht am Horizont, dass heller als die Sonne zu sein schien. Und jeden Tag wuchs der neue Stern und bald schon sprachen die Weisen der Welt vom Ende der Zeit, denn die Götter donnern mit ihrer Faust auf Noridan. Der Stein würde niedergehen, sagten sie, und alle mit sich reißen. Er tat es und viele empfingen den Stein als Erlösung, denn die Herrschaft der Drachen war immer noch grausam.
Der Stern, der als Himmelsstein bekannt wurde, ging auf Noridan nieder und zerstörte dort wo er einschlug alles Leben. Die Welt hüllte sich in Asche und Staub und brennende Brocken gingen überall auf der Welt nieder und brachten den Tod. Eine Flutwelle erstickte das Land Nordnoridans und die Erschütterung veränderte das Bild der Welt. Eine ewige Winternacht brach an, als der Staub, einem Umhang gleich, den Himmel bedeckte. 10 000 Jahre war Winter. Die Tiere und Pflanzen starben, bis auf wenige. Es wurde kalt.
Und wieder waren es die Menschen, die sich anpassten. Doch es war schwer, der Dunkelheit zu trotzen. Die kleinen Völker zogen sich zurück und unter dem Drang, der Lage Herr zu werden, ward' aller Leben kürzer. Die ewigen Elverra starben aus und hinterließen ihre Kinder, die Elfen, von denen keiner mehr älter als eintausend Jahre wurde. Die Zwerge schenkten der Dunkelheit viele Jahre und alle wurden irgendwie sterblicher. Auch die Menschen waren durch die Nacht verbannt. Nur noch 100 Jahre wurden einige von ihnen am Ende der Dunkelheit. Jedoch durch diese kurze Zeit passten sie sich an, besser als es alle anderen taten. Sie, die Menschen wurden erneut Herrscher über alle.
Selbst die ewigen Drachen starben dahin. Ihr Feuer erlosch. Die Magie half ihnen nicht. Ihr langes Leben war das Schwert in der Brust. Einige zogen sich in die Erde zurück, so dass es auch heute noch Drachen geben muss. Große Kämpfer berichten von ihnen und auch ich kann sagen, dass sie noch leben. Zurückgezogen warten sie auf ein neues Zeitalter der Drachenherrschaft - irgendwann.
Vor 80.000 Jahren, als das dritte Zeitalter anbrach, legte sich der Schleier des Todes und die Sonne kehrte wieder. In einem gewissen Sinne gingen die Menschen gestärkt aus der Katastrophe hervor und ließen die Elfen, Zwerge, Gnome, Halblinge und selbst die Drachen hinter sich zurück.
Der Fortschritt war verloren. Ackerbau und Handel wurden neu erfunden. Niemand war mehr da, der sich an die damalige Zeit erinnerte. Keiner wusste die alte Welt zu beschreiben. Unter weisen Händen, die die Magie der Drachen noch ein wenig verstanden, wuchs Noridan neu. Erst primitiv, dann langsam sich entwickelnd, erlebte die Welt einen Neuanfang. Von klein auf wurden Technik, Wirtschaft und Politik neu aufgebaut. Doch die eine Kunst, die Zauberrei, blieb hinter allem noch lange zurück.
Dann geschahen Dinge, die nicht einfach zu erklären sind, denn es waren viele Erlebnisse, die Noridan gleichzeitig machte. 80.000 Jahre sind seit damals vergangen und die Menschen herrschen über die größten Teile der Welt. Friede gibt es noch, aber als die Welt zum zweiten Mal erwachsen wurde, erfanden die Völker, ich möchte sagen, die Menschen auch den Krieg und sie führen ihn in grausamster Kunst.
Auch kann ich sagen, dass es wenige gab, die von der alten Welt noch wussten. Sie hielten sich verdeckt und wer weiß, ob es heute, 623 der neuen Zeit, immer noch Elverra oder die alten Zwerge gibt. Ihr kennt die Geschichten nicht, wie ich sie kenne, aber die Zeilen von tausend Büchern würden nicht reichen, um alles zu sagen.
Lebt die neue Zeit, meine Freunde und gedenkt der alten, wie ihre sie damals in Kinderjahren und jetzt noch einmal von mir gehört habt.
Der Lauf der Zeit
Nârak Kûnar