![]() © by Maria J. William |
Im Jahre 588 wurde in Nilira der Familie Lintflas eine Tochter geboren, die dereinst einen schweren Weg gegen sollte, ob einer Gabe, die ihre Eltern anfangs nicht erkannten.
Ihre Mutter, Lauril Lintflas und ihr Vater, Mudan Lintflas, zogen das Mädchen bürgerlich und wohlständig auf.
596 wurde dem nun bereits acht Jahre alten Mädchen ein Bruder geboren, Muadib Lintflas. Er sollte bald ihr liebster Spielgefährte und engster Vertrauter werden.
Gwen, wie sie von ihrer Familie liebevoll gerufen wurde, war bei künftigen Unternehmungen, die die beiden Kinder oft angingen, jene mit Köpfchen. Sie war die Vorsichtige, die vorerst alles überdenken wollte. Als ihr Bruder jedoch größer wurde, überrumpelte er sie oft mit seinem kämpferischen Gemüt und forderte zur Eile auf. Dennoch blieben die beiden Kinder unzertrennlich.
614, Gwenhwyvar arbeitete mit ihren 26 Jahren bereits kräftig im Haushalt mit und erledigte Aufträge ihrer Eltern, entschied sich ihr Bruder nach Islur zu gehen, ein fernes Land jenseits der Karten der nilirischen Bibliothek. Niemand in der Familie war glücklich mit dieser Entscheidung.
Als Andenken zerschlug Muadib mit seiner Schwester eine seltsame Münze aus schwarzem Metall, die die beiden einst bei einem Ausflug in die, die Stadt umgebenden Wälder fanden. Jeder nahm eine Hälfte an sich.
Ein Jahr später, Muadib war weg, starben die Eltern Lintflas bei einer Reise nach Mither. Es hieß, dass ein Sturm aufkam und ihren Handelswagen unter sich begrub. Lauril und Mudan sollen keine Chance gehabt haben. Heute befinden sich ihre Gräber auf dem Friedhof Niliras.
Nach diesem Ereignis zog sich Gwen, alleingelassen im großen Elternhaus, in sich zurück. Die städtische Bibliothek war - da sie schon früher gern dort hin ging - in dieser Zeit ihr liebster Fluchtort. Stumpfsinnig, nur um sich abzulenken und zu beschäftigen, studierte sie alles, was ihr in die Hände fiel.
Sie selbst glaubte nicht an einen Unfall, der ihre Eltern das Leben gekostet hatte. Sie begann in der Stadt lästige Fragen zu stellen und machte sich durch die Frage, ob sie die Leichen ihrer Eltern sehen dürfe schließlich gänzlich unbeliebt in der Stadt.
618 erlitt Gwenhwyvar auf dem Marktplatz plötzlich und vollkommen unvermittelt einen Anfall und erwachte daraus mit grün leuchtenden Augen. Wie ein drohendes Omen verdunkelte sich der Himmel, als die Menschen auf dem Markt begannen zu raunen und zu schimpfen. Und als suchten die Städter nur nach einem Grund, die Tochter Lintflas aus der Stadt zu treiben, ergriffen sie ihre Heugabeln und Flegel und trieben Gwen als Hexe in den Wald.
Gwen irrte tagelang im Wald umher, unsicher, wohin sie gehen sollte und erlitt noch mehrmals diese seltsamen Anfälle, bis sie am vierten Tag kraftlos zusammenbrach. Irgendwann erwachte sie in einem Haus, das ein fremder Mann bewohnte. Der Fremde stellte sich als Ith Kali vor und erklärte ihr, dass er wüsste, um welch dämonisch wirkende Anfälle es sich bei Gwenhwyvar handelte. Er sagte ihr, sie sei erwählt von den alten Geistern der Erde und zur Hexerei berufen, wie er selbst. Auch Ith Kali wurde vor langer Zeit aus der Stadt getrieben, zu Recht als Hexer verbannt und vergessen.
Ith Kali, der offensichtlich den Weg der jungen Hexe verstand und fördern wollte, erklärte Gwen die Künste der Hexerei und dass sie seit dem Ereignis auf dem Markt, ob sie wolle oder nicht, unter dem Bann uralter Mächte stehe, die ewiglich versuchen werden, von ihr Besitz zu ergreifen. Er lehrte sie, mit dem Bann auf ihr umzugehen und ihn für ihre Zwecke zu nutzen und dennoch ihm nicht zu unterliegen. Gwen lernte Rituale abzuhalten, Tränke zu brauen und Zauber zu wirken, sie lernte mit den Mächten zu sprechen und ihnen zu huldigen. Zwar erklärte er Gwen auch, wie man sich von diesen Mächten befreien konnte, aber die junge Hexe erkannte in ihrem Schicksal einen lebenswerten Weg, zumindest vorerst.
Mitten in der Ausbildung, abermals unvermittelt, fand Gwenhwyvar Ith Kali 621 tot auf seinem Bett, als sie gerade vom Kräutersammeln zurückkehrte. Ihm waren die Hände abgeschlagen und noch seltsamer war, dass die Hände unauffindbar waren. Die meisten seiner Aufzeichnungen waren verschwunden. Was geschehen war, konnte Gwen nicht erfassen. Allein der Schmerz über den neuerlichen Verlust blieb und ließ sie zweifeln, ob sie überhaupt fähig war, mit anderen Menschen zusammenzuleben, ohne dass sie einen unnatürlichen Tode erlitten.
Als Gwen über die Trauer hinweg war, entschloss sie, die Hütte Ith Kalis zu bewohnen und seine Profession fortzuführen. Vielleicht konnte sie ihn so über den Tod hinaus ehren. Doch der Weg im Bann der dunkeln Mächte ohne ihren Mentor war schwer und schmerzhaft.
623, sie wusste nun, dass die dunklen Mächte, die ihr ihre Kraft gaben, sie irgendwann zerstören würden, ergriff sie ein Buch Ith Kalis und vollführte das darin beschriebene Befreiungsritual, um sich von den Mächten zu lösen. Es kostete sie alle Kraft. Sie viel, am Ende des Ritus in eine Ohnmacht.
Als sie erwachte, wusste Gwen, dass sie alles richtig gemacht hatte. Muadib, ihr geliebter Bruder, saß auf ihrer Bettkante und pflegte sie gesund. Gwenhwyvar fühlte, dass die Mächte fort waren und wusste, dass sie nun nur noch darauf achten musste, dass sie nicht erneut von ihr Besitz ergreifen würden.
Gemeinsam mit Muadib und drei Fremden, die einen Weg nach Mither suchten (Algonthir Corodhal, Ciarda Bloodwyn und Vychar Muir) verließ Gwen Ith Kalis Hütte und reiste nach Norden.
Später dann ließ sie sich in den Dienst des Dämons Kluotai stellen, der ihr Wege zeigen wollte, ihre Künste auszubauen und ihr Wissen über die uralten Mächte vermitteln konnte. Dieses Angebot konnte sie nicht ausschlagen. Sie verabschiedete sich von ihrem Bruder ein weiteres Mal.
Später, das erfuhr Muadib von Kluotai, wanderte Gwenhwyvar aus, um bei den Hexen von Dûn, einem legendären Hexenzirkel im Meer des Abschieds zu lernen. Ihr Wissensdurst wollte nicht gestillt werden.
